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Geldanlage

Die (Ir)Rationalität von Anlageentscheidungen

Der Homo oeconomicus funktioniert in der Theorie. Doch der Mensch ist nicht frei von Emotionen. Sie beeinflussen die Wahrnehmung von Wertentwicklungen.

Michael Deeken01.10.2017

Zumeist haben Anleger das Prinzip des Homo oeconomicus vor Augen, wenn sie über alternative Entscheidungen und die dazugehörigen Renditen nachdenken. Im Mittelpunkt steht dabei immer die Maximierung einer Nutzenfunktion. Dieses mechanistische Verständnis muss freilich aufgeweicht werden, weil nicht jeder Anleger immer über das vollständige Wissen der jeweiligen Handlungssituation verfügt. Dementsprechend können erwartete und tatsächlich beobachtete Entscheidungen auseinanderfallen.

Man unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen subjektiver und objektiver Rationalität. Objektivität bewahrt scheinbar immer der, der die Situation von außen beobachtet, Subjektivität kommt hingegen ins Spiel, wenn der Handelnde bestimmte Ziele für wichtig erachtet und seine Handlungen danach ausrichtet. Ein Beispiel: Immer mehr Anleger verfolgen eine nachhaltige Anlagestrategie, ihnen ist wichtig, dass bei ihren Anlageentscheidungen nicht nur ökonomische, sondern auch soziale und ökologische Ziele verfolgt werden. Andere Akteure, für die nur ökonomische Ziele eine Rolle spielen, würden die gewählten Anlageformen tendenziell als suboptimal und somit irrational abtun.

Die Rolle von Emotionen
Wesentlich interessanter werden die Beobachtungen allerdings, wenn man das menschliche Verhalten in den Rationalitätsbegriff einbindet. Es ist vor allem den Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky zu verdanken, dass wir heute über wesentliche Erkenntnisse der Prospect Theory verfügen. Im Mittelpunkt stehen dabei Verhaltensanomalien wie die Berücksichtigung verlorener Kosten, die Untergewichtung von Opportunitätskosten oder die Übergewichtung von Besitz, Verfügbarkeitsheuristiken und Sicherheitsstreben sowie Selbstwirksamkeitserwartungen und idiosynkratische Emotionen.

Mit diesen Erkenntnissen lassen sich zwei Phänomene aus der Praxis erklären. Ein Beispiel: Ein Anleger kauft Aktien, welche im Verlauf im Wert steigen. Er empfindet die Kurssteigerung aber solange als „Verlust“, wie diese hinter seinen Gewinnerwartungen zurückbleiben. Andererseits freut er sich über Kursverluste, wenn diese geringer ausfallen als erwartet. Dies ist etwa immer dann der Fall, wenn Kursverluste auftauchen, nachdem ein Unternehmen positive Gewinnzahlen publiziert hat, die allerdings unterhalb der Gewinnerwartungen liegen.

Schmerzhafte Dissonanzen
Das zweite Beispiel, das hier gezeigt werden soll, geht auf die kognitive Dissonanz von Anlegern zurück. Grundsätzlich ist der Mensch bestrebt, sein Kognitionssystem in Gleichklang zu halten. Nehmen wir einen Anleger, der überzeugt ist, sich mit Aktienanlagen gut auszukennen, und eine entsprechende Kognition besitzt.

Dieser wird eine schmerzhafte Dissonanz verspüren, wenn er eine Kaufentscheidung trifft und sich dieses Engagement in Folge negativ entwickelt. Die Stärke der Dissonanz hängt in aller Regel von dem dahinterstehenden Commitment ab. Wurde die Entscheidung frei oder auf Anordnung getroffen? Im letzteren Fall ist das Commitment deutlich kleiner. Welche Verantwortung stand hinter dieser Entscheidung? War die Entscheidung gewöhnlich oder eher außergewöhnlich? Welche irreversiblen Kosten wurden mit der Entscheidung verursacht? Antworten auf diese Fragen bestimmen das Commitment und damit auch die Dissonanz.

Bevor nun ein größerer Verlust auftaucht, ist der Anleger bemüht, die Dissonanz aufzulösen. Gewählt wird dabei das Verhalten, das die wenigsten Änderungen im Kognitionssystem nach sich zieht. Also wird nicht der Verkauf der Aktie mit Verlust durchgeführt, sondern eher der Nachkauf der Aktie, um somit den durchschnittlichen Einstandskurs zu senken. Sehr schnell geraten Anleger damit in die Falle, gutes Geld schlechtem Geld hinterherzuwerfen. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von der sogenannten Sunk-Costs-Falle.

Denkfehler: Verankerungsheuristik
Zusätzlich zu den hier dargelegten Rationalitätsbeschränkungen unterliegen Menschen auch Beschränkungen, die aus der Tatsache herrühren, dass das menschliche Gehirn zu „klein“ beziehungsweise zu langsam ist, um alle entscheidungsrelevanten Informationen aufzunehmen und zu verarbeiten. Um dennoch handlungsfähig zu sein, verwenden Menschen unbewusst sogenannte Heuristiken – also Vorgehensweisen, die schnell zu einer Entscheidung führen, aber nicht immer zu einer optimalen Alternative.

Betrachten wir dies an einem Beispiel: Defensive Anleger waren es immer gewohnt, festverzinsliche Anleihen in ihrem Depot zu haben, meist als Basis der Gesamtallokation. Im Mittelpunkt stand dabei die regelmäßige Zinszahlung in Form von Ausschüttungen auf das dazugehörige Konto. Nun ist seit einigen Jahren schon die Zahlung von Zinsen für Geld beziehungsweise Anleihen auf ein Niveau von nahe Null abgesunken. Im Geldmarktbereich werden zuweilen auch Minuszinsen berechnet. Obwohl die Menschen diesen Zustand realisieren und beklagen, sind ihre Renditeansprüche an ein defensives Depot noch dieselben: „Drei Prozent nach Kosten – das ist doch wohl das Mindeste“, so die Forderung an den Bankberater oder den Vermögensverwalter. Die dahinterstehende Logik heißt Verankerungsheuristik. In den vielen Jahren der Anlage mit Anleihen hat sich mental ein Anker gesetzt, der nun zur Beurteilung der aktuellen Situation herangezogen wird.

Man spricht in diesem Zusammenhang auch von der Bildung mentaler Konten bei den Anlegern. Die große Gefahr in der Beratung besteht nun darin, dass man versucht, die gewünschte Rendite des Anlegers tatsächlich zu erreichen. Damit einher geht aber notwendigerweise die Erhöhung des Risikos, welches den gesetzten Rahmen der defensiven Vereinbarung sprengt.

Fazit
Bei der Eigenanlage von Vermögen sind Menschen vielen Gefahren ausgesetzt, die in ihnen selbst angelegt sind. Daher ist die Fremdverwaltung für Anleger ein naheliegender Schritt. Allerdings ist hier die große Herausforderung, dass der Anleger mit seinen subjektiven Wünschen auch tatsächlich verstanden wird. Denn nur so kann dann ein rational geführtes Depot entstehen.